Elisabeth Willems, 1931-2026

Vorgestern ist meine Oma nach 95 bewegten Jahren gestorben. Sie war eine ungewöhnliche Frau, die manchmal so schwierig war wie das Leben, das sie gelebt hat. Eine Nachbarin beschrieb sie als eine “hübsche, interessante und charakterstarke Frau”. Das ist beschönigend und treffend zugleich.Ihre Kindheit war geprägt von ländlicher Armut – und natürlich dem Krieg. Nach der Scheidung der elterlichen Ehe wuchs sie bei ihrem Vater auf. Ein strenger Mann, der Fahrer für die Nazis wurde. Vielleicht konnte sie deshalb nichts mit ihrer Nationalität anfangen, suchte nach französischen Vorfahren, und nahm später den französischen Künstlernamen Isabelle Bouvré an. Nach dem Krieg kaufte sie sich eine Schreibmaschine und wurde Schreibkraft. Das meiste schrieb sie aber in ihrem Privatleben, und verarbeitete in Büchern und Gedichten ihre Kindheit im Krieg, und vor allem immer wieder ihr Verhältnis zu den Männern. Ihre vier Ehen endeten alle in Katastrophen, die Männer in ihrem Leben starben zu früh oder waren nicht gut zu dem außerehelichen ersten Sohn und der halbwaisen Tochter, meiner Mutter. Die repressiven Moralvorstellungen im Nachkriegsdeutschland machten es der charismatischen und extravaganten Frau schwer. Sie musste häufig umziehen, und ebenso häufig wurden sie und ihre Kinder nicht gerade freundlich in die Dorfgemeinschaft aufgenommen. Sie behielt ihren Stolz, nahm aber ein Grundmisstrauen gegenüber Menschen mit in den Rest ihres Lebens. Umso stärker wurde ihre Liebe zu Tieren. Hunde, Katzen und Vögel waren ihre treuesten Begleiter. Ihre Tierliebe hielt sie lange am Leben – und Gäste aus ihrem Haus. Den beißenden Geruch von Katzenurin werde ich mein Leben lang mit meiner Oma assoziieren.Mit dem Aufschwung sozialer Bewegungen in den 70ern politisierte auch sie sich: Sie schrieb über soziale Ungerechtigkeit, kandidierte mit einer eigenen Wahlliste bei den Kommunalwahlen, gab Vorlesungen, engagierte sich gegen den Krieg. Irgendwann trat sie der DKP bei, absolvierte sogar noch ein – wahrscheinlich eher symbolisches – Studium im “besseren Deutschland” in Leipzig. Ihr Bücherregal ist so bunt wie ihre opulente Kleidersammlung: Da steht Sartre neben Tarot, Thälmann neben “Die Löwenfrau”, Nazim Hikmet neben Schriften über die weibliche Homosexualität.Das Verhältnis zu meiner Mutter war sehr schwierig, weswegen ich meine Oma auch erst sehr spät richtig kennenlernen konnte. Da lebte sie schon seit einigen Jahren in einem kleinen Ferienhaus in Südfrankreich, das sie sich mit unzähligen Straßenkatzen teilte. Ihr Gesundheitszustand hatte in den letzten zehn Jahren immer weiter abgenommen, die Demenz und die alten Knochen ließen vieles nicht mehr zu. Der französische Wortschatz reichte nur noch für das Nötigste, wozu manchmal auch derbe Beleidigungen gehörten. Ihr Auto, zusammengehalten von Klebeband und Hoffnung, war ein Spiegelbild ihres körperlichen und geistigen Zustands. Dass sie damit bis fast zum Schluss noch regelmäßig einkaufen fuhr, versetzte alle regelmäßig in Angst und Schrecken. Wie ich heute festgestellt habe, war die letzte Hauptuntersuchung des Autos vor neun Jahren!Zuletzt lag sie nach einem Oberschenkelhalsbruch drei Monate im Krankenhaus, auch, weil eine Versorgung in ihrem Haus kaum möglich war. Sozialarbeiter*innen und Pflegedienste verzweifelten an ihrem Unwillen, sich helfen zu lassen. Alle Verwandten und Freunde waren entweder weit weg, mit ihr verkracht oder beides. Sie hatte aber auch keine Lust mehr. “Ich will nach Hause, auf meiner Terrasse in der Sonne liegen und sterben”. Als ich im November bei ihr war, um sie aus dem Krankenhaus abzuholen und sie davon zu überzeugen, einen Vertrag mit dem Pflegedienst zu unterschreiben, erlaubte ihr Stolz die Unterschrift zunächst nicht. Ich musste sie regelrecht beknien, damit ihre Versorgung sichergestellt wurde. Vor wenigen Tagen war es dieser Pflegedienst, der mir schrieb, dass sich der gesundheitliche Zustand von Oma sehr verschlechtert habe. Ich machte mich sofort mit meiner Mutter auf den Weg. Nach 6 Stunden Zug- und 14 Stunden Autofahrt fanden wir meine Oma zusammengeschrumpft auf ihren Kern: Ein sehr dünnes und sehr liebevolles, fast kindliches Wesen. Sie konnte kaum noch sprechen, lächelte liebevoll und sagte mir immer wieder, dass sie mich liebt. Auch meiner Mutter sagte sie das – eine lang ersehnte Versöhnung. Als wir ihr Elvis “Love me Tender” vorspielten, das sie als junge Frau so liebte, leuchteten ihre Augen, und sie tanzte mit ihrem Arm in der Luft. Ich heulte wie ein Schlosshund, und sie wischte mir mit einem herzzerreißenden, zahnlosen Lächeln die Tränen vom Gesicht. Am nächsten Morgen fanden wir nur noch den leblosen, dünnen Körper dieser sonderlichen und besonderen Frau. Ich werde sie sehr vermissen, bin aber auch dankbar, dass ihre bewegte Lebensgeschichte endlich einen friedlichen Abschluss gefunden hat.

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