Nach der „Entweihung“ der französischen Städte macht Macron die „radikale Linke“ verantwortlich, Friedrich Merz und Le Pen die Migration. Irgendeinen Sündenbock muss man ja finden.
In den Kommentarschluchten der Dummheit wird sich darüber aufregt, dass bei den Protesten palästinensische und algerische Flaggen geschwungen werden. Die französische Jugend hat jedes Recht, auch die nicht-heimische Flagge wehen zu lassen: Gaza hat die Jugend politisiert wie damals Vietnam, und der 17. Oktober war auch der 65. Jahrestag des blutigen Massakers 1961 an hunderten Algerier*innen in Paris. Und ja, auch, weil die französische Gesellschaft als ehemalige Kolonialmacht nunmal „bunt“ ist. Aber man sieht ebenso häufig auch die französische Flagge. Es wird die Marseillaise und die Internationale gesungen. Es werden Guillotinen getragen. Mince Alors!
Wer glaubt, dass radikaler Protest „unfranzösisch“ ist, hat in Geschichte nicht aufgepasst. Aber diese Proteste sind nicht radikaler als die Verhältnisse, aus denen sie geboren wurden. In den Schulen laufen Ratten rum, Decken stürzen ein, Lehrkräfte fehlen überall, vor allem in den Vororten, die von Segregation geprägt sind. Die französischen Jugendlichen wissen genau, wie ihre Zukunft aussieht: Dank kapitalgemachtem Klimawandel sind dieses Jahr 5800 Menschen in Frankreich an Hitze gestorben, die wenigsten Schulen sind klimatisiert. Die KI vernichtet jegliche Jobperspektive, während sie zugleich rassistische Fakebilder produziert. Die Regierung kürzt ihre Rente, rüstet aber auf. Die Jugend hat jedes verdammte Recht, wütend zu sein.
Und die Antwort des Staates? Die Polizei schießt mit Blendgranaten und Gummigeschossen auf Schüler*innen. Das tut nicht nur ein bisschen weh: Mehrere Teenager haben Augen und Hände verloren. Für immer. Polizeiprovokateure wurden eingeschleust, unter anderem indem sie sich als rassistische Karikaturen von migrantischen Jugendlichen ausgeben (sucht nach „Bismillah c’est les ténèbres“). Natürlich sind die Jugendliche am meisten abgefuckt, deren Nachnamen Manchen nicht ausreichend französisch klingen: Sie sind es, die am meisten unter diesen Verhältnissen leiden. Aber es sind nicht nur sie, die jetzt nachhaltig von diesem Staat entfremdet sind. Der Staat zeigt mit Tränengas und Knüppel, auf wessen Seite er steht. Wer da noch stolz auf sein Land ist, kennt weder seine Geschichte noch seine Gegenwart. Den „Patrioten“ bleibt deswegen nichts anderes, als sich über angeblich „unfranzösische“ Verhältnisse aufzuregen.
Bild:Ferdinand Feys, https://www.flickr.com/photos/ferdinandfeys/55582984901/, CC BY-NC-SA 4.0


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